Das Bundesfilmfestival DOKU.09 in Bad Liebenstein Freilich kann das am Südwestrand des Thüringer Waldes gelegene Städtchen Bad Liebenstein als Austragungsort eines Filmfestivals des BDFA nicht mit allen Gegebenheiten mithalten, die große Zentren bieten – aber das will es auch gar nicht. Seit Anfang der 1990er-Jahre treffen sich hier von ihrem Steckenpferd begeisterte Amateurfilmfreunde zu Festivals. Über ein solches Treiben am Fuße der weithin sichtbaren Burgruine wunderte sich sicher mancher Kurgast im ältesten Heilbad Thüringens an den drei sonnigen Tagen vom 24. bis 26. April 2009. Noch mehr hätte sich wohl der „Theaterherzog“, Kulturmäzen und selbst künstlerisch tätige Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen (1826-1914) gewundert, was für ein seltsames Völkchen sich in seinem 200 Jahre alten Kurtheater herumtrieb. Seine Durchlaucht wäre gewiss entzückt gewesen über das bunte Geschehen auf der Leinwand, mit so erstaunlich genauen Abbildern der Wirklichkeit, mit allem Drum und Dran. Froh gestimmt und erwartungsvoll, hatten sich am Freitag die Gäste eingefunden, um sich die ersten 16 von 52 Filmen anzuschauen. Anschließend luden die Ausrichter: die Arbeitsgemeinschaft DOKU Bad Liegenstein/Jena (Jürgen Wisner, der hier zuhause ist, seine Helferinnen und Helfer und das VIDEOaktiv JENA e.V.) zur Auswertung ins Hotel „Herzog Georg“ ein. In aufgelockerter Atmosphäre, nach einem herzhaften Essen nach Thüringer Art, verfolgten alle entspannt, was die Juroren zu den Filmen zu sagen hatten. Kompetent und streng lobten und tadelten: Ingo Döring (BaWü), Andreas Lippitz (Bln), Dieter Volk (Hes), Dr. Rolf Kuchelka (NRW) und Uwe Germar (Thür), befragt von Juryleiter Peter Gallasch (Thür). Anerkennende Worte aus dem Publikum waren zu hören, dass genügend Zeit vorhanden sei, das Gesehene ausführlich zu besprechen. Am nächsten Morgen, man hatte sich kaum den Schlaf aus den Augen gerieben, begrüßten Jürgen Wisner, 1. Vorsitzender des Thüringer Landesverbandes im BDFA, und Bürgermeisterin Elke Engelmann die Gäste zur 5. DOKU in Thüringen, bevor Techniker Joachim Stelzner (Jena) auf die Knöpfe drückte. Einer, den man gern schilt, wenn mancher Ton nicht so richtig herüberkommt. Aber dafür kann es mehrere Ursachen geben. Eh man sich versah, brach die Mittagspause an. Um den qualmenden Rost auf dem Theatervorplatz drängten sich die Hungrigen und waren - wie sollte es auch anders sein – voll des Lobens über die Spezialität, die neben Goethe, Schiller und der nahen Wartburg Thüringen weltweit so bekannt gemacht hat. Um sich zum geselligen Abend in der „Villa Georg“ einzufinden, war ein kleiner Höhenunterschied zu überwinden. Der Sonntag: die letzten zehn Filme, Mittagspause, Jurydiskussion, Abstimmung, Preisverleihung, Bekanntgabe der Delegierungen zur DAFF 2009 nach Hamburg. Doch Halt! Da ist doch noch etwas! Die inhaltliche Wertung und die Ergebnisse. Historisches und Zeitgeschichtliches war mit 17 Filmen dokumentiert. Weitere Themenkreise waren „Herstellungsfilme“ (9), Porträts (7), Soziales (6), Hobbys (3). Manche Filme wurden kontrovers diskutiert, einige erhielten uneingeschränktes Lob und manche gar keins. „Eigentlich sollte sich die Diskussion auf Bundesebene nicht mehr mit gravierenden Schwächen im filmischen Handwerk bei Dramaturgie, Montage und Vertonung befassen“, schrieb Hans-Werner Kreidner in seinem Bericht vor einem Jahr über die DOKU in Jena. Aber da waren sie wieder: unnötige Schwenks, Zooms, Überblendungen, schlecht abgestimmte Musiken und Töne, überflüssige und im Schreibstil gesprochene Kommentare, was mit dem Einmaleins des Filmemachens nicht in Einklang zu bringen ist. Interessant war, Filme zu gleichen Themen sehen zu können, was zu Vergleichen anregte. Das Tätowieren war ein solches. „Bittersüßer Schmerz“ von Dietmar Schürtz (Berlin) bekam dafür Bronze. Probleme von Behinderten und ihre Akzeptanz in unserer Gesellschaft griffen andere auf. Der Film „Wir wa(h)ren Optimisten“ von Anne Goldenbaum und Jugendgruppe (Penzlin) schnitt dabei am besten ab und wurde mit Silber bedacht. Er zeigt, wie behinderte Jugendliche Passanten in einer Fußgängerzone interviewen. Die Antworten sprechen für sich. Den Umstand, dass seit der friedlichen Revolution in der DDR und dem Fall der Mauer bald 20 Jahre vergangen sind, und das Alltagsleben der DDR in den 1970er-Jahren (größtenteils Aufnahmen in 8-mm), griffen drei Autoren auf. Holger Becker (Breddorf) konnte sich über Bronze freuen. In die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte entführten Werner und Hilde Eichhorn (Offenbach) die Zuschauer. „Und anderswo war Krieg“ ist die selbst erlebte Geschichte Eichhorns auf einer von den Nazis zwischen 1940 und 1945 angeordneten Kinderlandverschickung. Der Film hat sein Silber verdient. Insgesamt wurde 23mal Bronze und sechsmal Silber vergeben. Kommen wir zum Gold, mit dem sich zwei Autoren schmücken können. Klaus Kramer (Gevelsberg) porträtierte in „Ausklang“ den amerikanischen Pianisten Wally Varner, ein Film, mit dem es gelang, Zuschauer zu fesseln, selbst wenn einem der vor Jahren verstorbene Künstler bisher unbekannt war. Das andere Gold ging an Michael Preis (Dortmund) für „Von Che und der Revolution“, der bei mir, der ich noch nie auf Kuba war, den Eindruck hinterließ, als sei ich der Wegbegleiter und Kameraassistent des Autors gewesen und hätte Menschen in Fidel Castros Land, in dem der Sozialismus zu einem Fragment erstarrt zu sein scheint, mit beobachtet und befragt. Bei den DAFF in Hamburg werden weiterhin zwei mit Silber ausgezeichnete Filme zu sehen sein: „Mit Leib und Seele“ von Georg Merz und Arno Wehrmann (Bobingen) und „Waschtag anno 1900“ von Heidulf Schulze (Krefeld). Dank allen, die mit Filmen und ihrem persönlichen Engagement, zum Gelingen des Bundesfilmfestivals beitrugen. Die nächste DOKU wird zwar nicht mehr in Jena, aber in Thüringen ausgerichtet. Beim Wiedersehen 2010 in Bad Liebenstein ist allen Besuchern zu wünschen, dass sie es nicht nötig haben werden, die „Herzog-Georg-Apotheke“ aufzusuchen. Baldur Haase, VIDEOaktiv JENA e.V. |